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Bericht:
Bruce Springsteen in Wien

 

Das verlorene Promised Land
Bruce Springsteen gastiert in Wien

Wien, 06.05.97. Das Austria Center ist eine dieser furchtbar zweckmäßigen, furchtbar hässlichen Mehrzweckhallen. Riesengroß, wenig Atmosphäre.

Kurz vor Acht sitzen 4500 Zuhörer auf ihren Plätzen, die Spannung steigt, je mehr es auf Acht Uhr zugeht. Aus den riesigen Boxen sind Emmylou Harris und Flaco Jimenez zu hören, als plötzlich das Licht ausgeht und unter dem Applaus der ungeduldig wartenden Menge Bruce Springsteen die Bühne betritt.

Er hat sich lang, lang Zeit gelassen für diesen Besuch in Österreich. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, zu Zeiten von "Born in the USA", hatte er das Land wohl übersehen, 1988 war ihm ein Auftritt in Ost-Berlin wichtiger und 1996 schließlich gab er der Grammy-Verleihung den Vorzug vor Salzburg.

Doch nun steht Springsteen an zwei Abenden auf der Bühne. Das Programm ist nach wie vor Tom Joad, den einfachen Menschen in Südkalifornien und den Früchten des Zorns gewidmet. Das heißt, der Mann steht allein mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika auf der kahlen Bühne und erzählt Geschichten. Mal in Form einer kleinen Einleitung, öfters natürlich sind sie in einen Song verpackt. Karg instrumentiert, ist nicht viel Platz für große Emotionen. Noch weniger für große Gesten. 1984 von vielen mißverstanden, ist "Born in the USA", das Schlachtroß unter den Boss-Hymnen, zu dem geworden, was es eigentlich ist: "USA Blues", diesmal gibt es nichts, was man mühselig hinein interpretieren kann. Es ist die Geschichte, von einem der heimkehrt aus einem sinnlosen Krieg. Doch daheim will keiner mehr etwas über diesen Krieg hören und die Heimkehrer wären besser in Vietnam geblieben ("Ten years burnin´ down the road/nowhere to run/ain´t got nowhere to go").

Es wird ein Abend, der sich in Punkto Lernfaktor durchaus mit der Quelle seiner Inspiration messen kann. John Fords kongeniale Verfilmung von Steinbecks "Früchten des Zorns" gipfelt in der Szene, als Tom Joad sich von seiner Mutter verabschieden muß. Springsteen gibt diese Szene als Einleitung zum letzten regulären Stück des Abends zum Besten, "Across the border".

Springsteen fühlt sich wohl auf dieser Tour, die nun schon 18 Monate andauert. Er ist frei von jeglicher Verantwortung, die er als Bandleader hatte. Er kann die Stücke so präsentieren, wie sie von Beginn an gedacht waren und entstanden sind. So wirken sie auch am besten. Reduziert auf ihre Aussage, ohne Ablenkung, ohne Schnickschnack.

Thomas Uhle
Veröffentlicht in megazIN, Ingolstadt - August 1997