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Das
alte Europa gehorcht: Bruce Springsteen im Münchner Olympiastadion
Ob Bruce Springsteen jemals Aristoteles gelesen hat, ist ungewiss. Aber
auf jeden Fall hat er einen Satz des alten Griechen beherzigt: "Man
muss das Unmögliche, das wahrscheinlich ist, dem Möglichen vorziehen,
das unglaubhaft ist." Kein anderer Rockstar würde es nämlich wagen,
sein Konzert so zu eröffnen, wie Springsteen es in München getan hat:
ganz allein auf die Bühne zu steigen und nur mit einer akustischen Gitarre
seinen größten Hit grandios zu zerfleddern.
Bruce Springsteen tut's, und das scheinbar Unmögliche tritt ein: Eine
gequält-verzweifelte Variation von "Born in the USA" zieht das volle
Olympiastadion sofort in seinen Bann - weil man Springsteen abnimmt,
dass er keine Lust dazu verspürt, als menschliche Jukebox zu fungieren
und stattdessen an seinen Songs immer neue Facetten entdeckt.
Nach dem tolldreisten Auftakt gibt es kein großes Gequatsche, die E-Street-Band
entert die Bühne und treibt samt Meister die Menge mit geradlinigem
Rock zur Raserei. 45 000 Menschen toben drei Stunden auf ihren Sitzen.
Selbst auf den obersten Rängen, von denen aus man mutmaßlich nicht einmal
erkennen kann, wer von den Gestalten auf der Bühne Springsteen ist,
wird getanzt und gesungen, obwohl der "Boss" auf einige seiner größten
Hits verzichtet.
Springsteen hätte es sich leichter machen können. Von reiferen Rockstars
seines Kalibers wird in der Regel eine solide Hit-Revue erwartet, zu
der das ebenfalls reifere Publikum nostalgisch schwärmen kann. Aber
Springsteen will nicht zum Abklatsch seiner selbst verkommen und wirft
sich deshalb mit einer Inbrunst in seine Lieder, die man bei keinem
anderen erleben kann. Springsteen verfügt über ein geniales Gespür für
Dramaturgie und steuert die Massen souverän durch den Abend. Mit grenzenlosem
Selbstvertrauen spielt er viele neue Lieder aus seinem Album "The Rising".
Und erstaunlicherweise werden die vom Publikum fast noch euphorischer
gefeiert als die Klassiker.
Wie er etwa "Empty Sky" als bewegenden Klagegesang, nur von einer Gitarre
begleitet, im Duett mit seiner Frau Patti Scialfa darbietet, hat mit
Stadion-Rock nichts zu tun, aber das Auditorium ist urplötzlich still
wie in einer Kirche. Und auch bei der Auswahl der älteren Titel widersetzt
sich Springsteen der Erwartungshaltung. Unglaublich ist, wie viel Musik
er in drei oder vier Harmonien zu packen vermag und wie viel Leidenschaft
er in ein paar Textzeilen unterbringt. Aber es wirkt auch deshalb so
berauschend, weil er ohne Rücksicht auf seine Stimmbänder singt und
eine charismatische Präsenz ausstrahlt, für die Politiker ihre Seele
verkaufen würden. Wenn sie eine hätten.
Sobald Springsteen spürt, dass Pathos überhand nehmen könnte, durchbricht
er die Stimmung mit kindlichem Übermut, wirft Gitarren durch die Luft,
klettert an Mikrofonständern herum und rutscht auf Knien über die Bühne.
Als melancholischer Barde ist er ebenso glaubwürdig wie in der Rolle
des aufgedrehten Musik-Entertainers.
Und ganz großartig wird Springsteen, wenn er mit Augenzwinkern und im
Tonfall eines besessenen Predigers seine fantastische Band vorstellt
und dann die Party für eröffnet erklärt: "It's Time for the German Ass-Rising."
Und das gute alte Europa gehorcht diesem aufrechten Amerikaner aufs
Wort.
Münchner Merkur - 11.06.2003
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