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Der
Boss rockt, das Stadion tobt
Rock-Legende: 40 000 Fans feierten Bruce Springsteen in der AOL-Arena.
Von Heinrich Oehmsen
Hamburg - Ein junger Mann verkauft Operngläser im Oberrang der AOL-Arena.
Nicht gerade das übliche Accessoire für ein Rockkonzert, aber das Publikum
von Bruce Springsteen ist schon etwas in die Jahre gekommen - und bequem
geworden. Was man vom "Boss" nicht sagen kann. Der 53 Jahre Sänger und
Gitarrist strotzt vor Energie, immer noch. Seit
Jahrzehnten eilt ihm der Ruf voraus, ein ehrlicher, hart arbeitender
Rocker zu sein, in der AOL-Arena stellt er es 22 Jahre nach seinem legendären
Konzert mit der E-Street-Band im CCH wieder unter Beweis. Damals spielte
er auf den Schultern eines kräftigen Fans stehend Gitarre. Aber auch
heute zählt dieser Mann noch lange nicht zum alten Eisen.
Um 20.14 Uhr stapft Springsteen ganz allein auf die gigantische Bühne,
in der Hand eine zwölfsaitige Akustikgitarre. Mit einer orientalisch
anmutenden Version von "Born In The USA" beginnt er den Abend. Das Publikum
klatscht, johlt und pfeift vor Begeisterung. Doch die Solonummer ist
nur kurzes Warmspielen für eine fast dreistündige Show. Als die E-Street-Band
zu den Instrumenten greift, rollt ein Rockgewitter über die 40 000 Zuhörer.
Bruce Springsteen ist "on fire".
"The Rising", der Titelsong seines jüngsten Albums, folgt. Mit diesem
Werk zeigte sich Springsteen in der Folge des 11. September als amerikanischer
Patriot. Angetrieben vom unermüdlichen Max Weinberg am Schlagzeug, der
der Show im Gegensatz zu den Rockarbeitern am Bühnenrand den nötigen
Schuss modische Eleganz gibt, feuert die E-Street-Band jetzt einen Kracher
nach dem anderen ab. Auch ohne Pyrotechnik und anderen Schnickschnack.
Clarence Clemons spielt immer noch Saxophon, als hätte er das Lungenvolumen
eines finnischen Skilangläufers. Und am Bühnenrand ackern Springsteen
und seine Gitarristen Little Steven und Nils Lofgren.
Auf den hochauflösenden Videoleinwänden zu beiden Seiten der Bühne ist
selbst in den entlegenen Winkeln der Arena zu erkennen, wie Springsteen
die Augen zusammen kneift und die Zähne fletscht, wie die Adern an seinem
Hals hervortreten. Rock'n'Roll, wie er ihn liebt, ist echte Arbeit -
und Springsteen immer noch seine Verkörperung. Doch es gibt auch ruhige
Momente an diesem Abend: wenn er mit seiner Ehefrau Patti Scialfa im
Duett "Empty Sky" singt. Aber viel mehr Spaß scheint es Springsteen
zu machen, wenn er zeigen kann, wie fit er ist. Bei "Waiting On A Sunny
Day" klammert sich mit den Füßen nach oben an den vorsorglich festgeschraubten
Mikrofonständer, in nächsten Moment rutscht er auf Knien etwa 20 Meter
weit über die glatte Vorbühne. Das ist genau das, was sein Publikum
sehen will. Das weckt Erinnerungen an die CCH-Show, als er auf den Lautsprecherboxen
herumturnte, mit seiner Gitarre ins Parkett hineinlief und umringt von
Fans im Gang spielte.
Inzwischen hält es auch auf den Rängen niemand mehr auf den Sitzen.
"Das ist die geilste Springsteen-Show, die ich je gesehen habe", sagt
Nico Thoms (43) aus Harburg, der immerhin schon zwölf Konzerte mit dem
"Boss" erlebt hat. Bei "Badlands" aus dem Frühwerk "Darkness On The
Edge Of Town" aus dem Jahr 1978 klatscht fast jeder im Rund mit den
Händen über dem Kopf. "Bruce! Bruce! Bruce!" skandieren die Fans, "Hamburg!
Hamburg!", brüllt der "Boss" zurück. Der Regen ist vergessen, Springsteens
Hemd ist genauso klatschnass wie die derjenigen unten im ungeschützten
Innenraum - allerdings vom Schweiß. Weiter geht die Tour de Force mit
"Out In The Streets", bis es zur ausführlichen Vorstellung jedes Musikers
kommt, der an diesem außergewöhnlichen Konzertabend (Stargast für "Hungry
Heart" im Zugabenteil: Wolfgang Niedecken von "Bap") dabei war. Es scheint
so, als wären Bruce Springsteen und die E-Street-Band immer noch das
Maß aller Dinge. Nichts da vom Langweiler, in dem kein Feuer mehr brennen
würde. Mancher junger Musiker wäre froh, wenn er die Energie dieses
Bühnenvulkans in sich hätte.
Hamburger Abendblatt - 13.06.2003
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