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Unterwegs mit Michael, Tina, Liza, Bruce,
Paul und Frankie
George Kerwinski hat jahrelang Superstars auf ihren Tourneen durch
Europa gefahren. Allein mit Tina Turner war er über 90.000 Kilometer
zusammen. Der kann Geschichten erzählen!
Bruce Springsteen,
Ostberlin 1988
Eigentlich war es klar, dass ich Rockstars immer in einem Mercedes S-Klasse
oder einem Siebener-BMW chauffierte. Bruce Springsteen allerdings wollte
lieber in einem weißen VW -Bus fahren, den ich extra bei Europcar besorgen
musste. Springsteen war sowieso eigensinniger als die meisten anderen
Stars.
Manchmal ist er tagsüber einfach verschwunden, was die Bodyguards immer
zur Verzweiflung trieb. Vor allem seinen Chefbodyguard Bob Wein, einen
Vietnam-Veteranen, der mich manchmal nachts aufweckte und mich das Auto
vorfahren ließ, nur um die vorm Hotel wartenden Fans zu verwirren. In
München, als Bruce einmal kurz verschwunden war, wollte Wein, dass ich
Bruce mit dem Auto im Englischen Garten suche. So ein Quatsch. Nach
dem Konzert in München hatten wir zwei Tage frei und Springsteen wollte
shoppen gehen.
Wir kauften für seine Freundin Patti Berge von Unterwäsche und antiken
Schmuck. Und Bruce besorgte sich fünf Lederjacken plus eine Trachtenjacke,
die er gleich anbehielt. Anschließend wollte er unbedingt das Umland
sehen. Ich schlug vor, mit unserem VW-Bus zum Starnberger See zu fahren,
ins Gasthaus »Zum Fischmeister«, um dort einen Apfelstrudel zu essen.
Es regnet in Strömen, als wir beim »Bierbichler« sitzen, doch Bruce
sagt: »Ich geh mal ein bisschen mit Patti spazieren.« Nach einer halben
Stunde kommt er wieder und fragt, ob ich eine Tüte hätte. Ich hatte
zwar keine Ahnung, was er damit wollte, aber ich gab ihm die Tüten,
in denen die Lederjacken waren, und er verschwand wieder.
Er hat dann offenbar anderthalb Stunden mit Patti am Seeufer Kieselsteine
gesammelt, eine ganze Tüte voll, um sie mit nach Hause nach Amerika
zu nehmen. Natürlich war Bruce danach total durchnässt. Aber er hatte
ja die Hirschlederjacke an, die er gerade für 5000 Mark gekauft hatte.
Die konnte er nachher wegschmeißen.
Während dieser Tage in München erreichte uns eine Anfrage, ob Springsteen
in Ostberlin spielen wolle. Springsteen sagte zu, doch alle 60000 Karten
wurden nur an linientreue Jugendverbände verteilt. Die Karten ließen
sich aber am Kopierer fälschen und plötzlich standen 180.000 Menschen
vorm Stadion. Außerdem stand auf den Tickets »Konzert für Nicaragua«.
Darüber wurde Bruce sauer, und fünf Minuten, bevor das Konzert losgehen
soll, sagt er zu mir: »Ich möchte mit den Menschen auf Deutsch reden,
kannst du mir eine Rede übersetzen?« Folgendes habe ich Bruce dann phonetisch
aufgeschrieben: »Ich bin hier ohne politisches Motiv. Ich möchte nur
ehrlichen Rock ’n’ Roll spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle
Mauern fallen.«
Dann ging Bruce auf die Bühne und sofort stürzten mein Chef und Springsteens
Manager sich auf mich: Was Bruce denn gewollt habe? Ich sagte, ich hätte
ihm eine kleine Rede übersetzt darüber, dass hoffentlich bald alle Mauern
fallen. Die beiden sind ausgeflippt: Das Wort »Mauer« durfte man in
der DDR nicht sagen. Wir alle gerieten in Panik. Das Konzert lief schon,
jeden Moment würde die Rede beginnen.
Auf der Bühne vor dem Schlagzeug ging es ein paar Stufen runter in ein
Kabuff, wo für Bruce immer eine Schüssel mit Eiswasser stand. In dieses
Kabuff bin ich gekrochen und habe Bruce verzweifelt Zeichen gegeben.
Tatsächlich kommt er nach dem nächsten Song runter.
Ich sage ihm: »Wir müssen das Wort ›Mauern‹ ändern. Wir müssen ›Barrieren‹
stattdessen sagen!« Natürlich konnte er mich kaum verstehen. Ich habe
ihm dann »Bar-hee-earen« aufgeschrieben und er ging wieder auf die Bühne.
Wir hatten keine Ahnung, ob er das jetzt verstanden hatte und wann er
überhaupt gedachte, seine kleine Rede zu halten.
Endlich fängt Springsteen an zu reden, die Stelle mit den Mauern kommt
immer näher, wir schwitzen vor Angst. Wir befürchteten, dass bei einem
falschen Wort die Offiziellen uns den Strom abdrehen. Und dann kommt’s:
Bar-hee-earen! Glück gehabt. Bruce hat übrigens neulich in einem Interview
gesagt, er könne sich bis heute an die Gesichter der Menschen in der
ersten Reihe erinnern.
Quelle:
Auszug aus der Süddeutsche Zeitung vom 03.09.2004 - SZ Magazin
Aufgezeichnet von Philipp Oehmke
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/544/38506
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