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Bruce Springsteen und Band in der Hamburger Color
Line Arena
Bruce Springsteen und Band in der Hamburger Color Line Arena
Hamburg – Wie Moses am Ufer des Roten Meeres steht Bruce Springsteen
am Bühnenrand in der ausverkauften Hamburger Color Line Arena. Hinter
ihm – vereint in 16 formidablen Musikern – das pumpende Herz der amerikanischen
Musik. Er singt: "Pharaoh's army got drownded / Oh Mary don't you weep"
– ein Stück vom aktuellen Album We Shall Overcome: The Seeger Sessions.
Ein Song, erst Spiritual, später Klagelied der Bürgerrechtsbewegung,
an diesem Abend exemplarisch für einen 135 Minuten langen musikalischen
Zyklus, der eindrucksvoll die Rastlosigkeit des 57-Jährigen in seinem
Schaffen beweist, während sich viele seiner Künstlerkollegen in der
Dürre des Greatest-Hits-Ausschlachtens ausruhen.
Behutsam legt Geiger Sam Bardfeld mit einem folkloristischen Klezmer-Entrée
die zarte Linie für Oh Mary Don't You Weep, schaukelt sich dann mit
der Fiddle von Soozie Tyrell – einziges Mitglied der E Street Band –
auf, ehe die vierköpfige Bläsersektion einsteigt, die Band dann in ein
infernalisches Crescendo eintaucht, sich die Oberkörper biegen, die
Backen aufblähen, die Saiten vibrieren, die Marching Band pulsiert,
Springsteen das Kunststück vollbringt, den Anachronismus der Musik mit
dem politisch Zeitgemäßen zu verknüpfen, wenn er singt: "Well old Mr.
Satan he got mad / Missed that soul that he thought he had".
Wenn Springsteen, eine weiter wachsende Modulationsfähigkeit seiner
Stimme beweisend, zwischen rauem Knurren, klarem Klagen und platziertem
Falsett, nahtlos Bobby Jean als eines von nur sieben eigenen Stücken
anstimmt, dann ist klar, dass die waghalsige Mission, mit Folk-Songs
in der Tradition des heute 87-jährigen Pete Seeger auf Tour zu gehen,
geglückt ist. Keiner dieser Konzertmomente, in denen der Pulk feiert,
der Rang höflich klatscht. Da wird zelebriert, getanzt, werden Hände
in die Höhe gereckt. Zu gut ist, trotz fehlender Hits, das, was die
Wilde 17 dort auf der Bühne – lebt.
Zu präzise, zu berechtigt ist jeder Einsatz, jedes Solo. Der Bläser,
angeführt von dem großartigen Art Baron an der Tuba, Marty Rifkins an
der Pedal Steel, das präsente Spiel von Greg Liszt am Banjo, das Südstaaten-Akkordeon
von Charles Giordano, das Kontrabass-Treiben von Jeremy Chatzky, Backing
Vocals, Waschbrett, Percussion, Gitarren. Der Staub der Prärie wird
von Beginn an mit John Henry und Old Dan Tucker zum Western-Wirbelwind,
wird im Folk-Noir von Atlantic City verschleppt, windet sich im südstaaten-bluesigen
Trauermarsch Eyes On The Prize, setzt sich später im bewegendsten Moment
des Abends, dem kritischen Devils & Dust.
Immer wieder tritt Springsteen zurück in den Schatten, überlässt seiner
Horde das Feld, lacht, feuert an. Beim bläser-getränkten Swing von Open
All Night, beim gefühlvollen, spontan durch Zuruf aus den ersten Reihen
ins Repertoire genommenen Fire oder dem erschütternden Irish-Folk von
Mrs. McGrath. Am Ende ein von Springsteen und Gitarrist Marc Anthony
Thompson im Wechselspiel dahin getupftes When The Saints Go Marching
In, als letzte Zugabe American Land. "They died in the fields and factories/
They've scattered in the wind/ They died to get here a hundred years
ago", heißt es da. Noch einmal stärken Tuba und die anderen Wilden Moses
am Ufer den Rücken. Dann legt sich der Staub, und in der Prärie geht
die Sonne auf.
Von Tamo Schwarz
Erschienen am 14.Oktober 2006
Quelle: http://www.kn-online.de/
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