Zeitungsberichte
Springsteen
in der Presse

 

  


Volksnahes vom Rocker

Über der Bühne thront ein ovales Holzimitat. „Dodge City“ könnte ebenso gut drauf stehen wie der erkennbare Schriftzug: „Bruce Springsteen & the Seeger Sessions Band“. Lila schimmernde Kronleuchter und das abgetakelte Saloon-Klavier wecken weitere Assoziationen an Western-Serien. Miss Kitty & Co haben jedoch abrupt Sendepause, als die unverkennbare Silhouette vor einer Videoprojektion erscheint: Der „Boss“!
Rasante Reise zu den eigenen Wurzeln

Ab geht's mit „Atlantic City“. Wie ein Dampfzug braust es in die ausverkaufte Kölnarena, heizt vorbei an Skeptikern, Verblüfften, Begeisterten, führt 15 000 Gäste auf völlig neue Pfade. Springsteens ursprünglicher Streifzug durchs Repertoire des Protestsängers Pete Seeger, auf den er sich mit dem Album „We shall overcome“ begab, hat live längst Eigendynamik entwickelt. Er ist eine Reise zu den eigenen Wurzeln geworden. Neben „Atlantik City“ tauchen „You can look (but you better not touch)“ und „The River“ stark verändert im Programm auf. Gerade in jenen Songs mögen Steel Guitar, Quetsche, Banjo und Bläser für eingefleischte Fans grenzwertig klingen. Aber Springsteen hat sich schon immer mal auf Uramerikanisches in seiner Musik gestützt.

Man denke etwa an die country- und folklastige LP „Nebraska“ oder „The Wild, the Innocent and the E-Street Shuffle“, in der Jazz, Soul und Funk eingebunden waren. Wenn jetzt die traditionellen Titel „John Henry“ und „Old Dan Tucker“ auf eigene Stücke prallen, wirken sie wie Geburtshelfer seiner Rockmusik. Wie ein Erbe, aus dem sich das Statement „Born in the USA“ geradezu entwickeln musste. Der Mann aus New Jersey und seine 16-köpfige Band können in „Eyes on the Prize“ sogar mit Dixieland übertreiben, in den Gospel „O Mary don't you weep“" viel Pathos hineinlegen.

Denn der Boss schmirgelt sich mit rauem Bariton die Volksmusik zurecht. Das passt schon. Störend sind nur häufige Rückkopplungen. An der Affinität zu irischen Klängen („Mrs McGrath“) mag übrigens Springsteens Vater Douglas schuld sein, ein Gelegenheitsarbeiter irisch-niederländischer Herkunft.

„Pay me my Money down“ nutzt Freund Wolfgang Niedecken zum Gastauftritt. Niedecken hatte mit dem „Boss“ vor elf Jahren „Hungry Heart“ einstudiert. Ganz so geheuer scheint dem Kölner BAP-Chef der Chor-Gesang allerdings nicht zu sein - unsicherer Blick nach links und rechts, Einsatz jetzt! - und schnell ist er wieder von der Bühne verschwunden, so dass die Masse gar nicht mitbekommt, als der Zugabenteil ohne ihn beginnt. Springsteen singt ein balladenhaftes „Oh when the Saints“. Uramerikanisches Kulturgut. Aber nur dieser Musiker kommt auf ein derartiges Arrangement. Und damit ist der 57-Jährige wieder das, was er eigentlich schon immer war: Ein Mann aus dem Volk für das Volk.

Quelle: Kölnische Rundschau, von Kerstin Völling