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Wird hier auch gearbeitet?
Schuften on the Edge of Town: Bruce
Springsteen und seine E-Street-Band mischten die SAP-Arena in Mannheim
auf.
Rechts neben der Bühne haben sie eine kleine Gitarrenwerkstatt aufgebaut.
Zwei Männer arbeiten hier zwischen Kabeln, blinkenden Geräten und Dutzenden
von Klampfen. Sie arbeiten für den Boss, und das heißt, sie arbeiten
hart. Stimmen, schrauben, putzen, anreichen, abnehmen. Die Arbeit hier
heißt Musik, vor und auf der Bühne. Schließlich haben 13.500 Menschen
eine Menge sauer verdientes Geld gezahlt, um in der restlos ausverkauften
Mannheimer SAP-Arena die erste der beiden Bruce-Springsteen-Shows in
Deutschland zu sehen. Dafür sollen sie, ganz im Sinne springsteenscher
Arbeitsethik, auch was bekommen. Diese Show ist keine Mogelpackung.
Aber was heißt hier eigentlich Show? Springsteen und seine E-Street-Band,
die mittlerweile ohne den Zusatz „legendär“ schon fast nicht mehr genannt
wird, stehen auf einem schmucklosen, erhöhten Podest, es gibt keine
Effektshow, keine aufwendigen Pixelprojektionen im Hintergrund, es gibt
nicht einmal einfallsreiches Licht. Es gibt eine Band und ihre Musik.
„Is there Anybody?“ brüllt Springsteen den Fans zu Beginn entgegen und
geht dann mit dem neuen „Radio Nowhere“ und dem alten „No surrender“
gleich in die Vollen. Keine Zeit für Schnickschnack, noch nicht einmal
für Ansagen. Es wird kein Abend der politischen Abrechnungen.
Der 58-Jährige hat die Ärmel hochgekrempelt und das linke Bein zum Stemmschritt
vorgestellt. Und dieser Griff! Springsteens Gitarre möchte man wirklich
nicht sein. Er greift mit der linken Hand nicht ihren Hals, er würgt
ihn. Jede Faser seines Körpers scheint angespannt zu sein. Und wenn
der Boss über die Bühne geht, breitbeinig und die Knie nicht ganz durchgedrückt,
sieht das nach Kraftprotz aus, wie einer, der gerade aus der Muckibude
kommt. Mit Leuten, die so gehen, wollte man früher in der Schule keinen
Streit.
Doch der Boss ist gut drauf. Wenn er mit seinem Gitarristen Steve van
Zandt nicht gerade Wange an Wange in ein Mikrofon röhrt oder andere
Rock-Posen-Klassiker zelebriert, läuft er an alle Bühnenecken, um die
Fans anzufeuern. Um wie der Chef eines Handwerksbetriebes bei seiner
Belegschaft vorbeizugucken und zu schauen, ob hier auch ordentlich mitgearbeitet
wird. Da hütet man sich besser, unter seinen Augen nicht mitzutanzen
und mitzuklatschen. Man würde sogar noch versprechen, hinterher seinen
Platz zu fegen.
Aber es machen sowieso alle mit. Selbst die paar Tausend, die der Veranstalter
einfach hinter die Bühne gesetzt hat und die die Musiker den ganzen
Abend nur von hinten sehen. Doch auch sie vergisst der fürsorgliche
Boss nicht und dreht sich ein paar Mal zu ihnen um. Direkt vor der Bühne
wird ein Fan fast verrückt, weil ihm Onkel Bruce im Vorbeigehen die
Hand schüttelt. Dann müssen die Gitarrenhelfer wieder aufpassen, weil
Springsteen ihnen die Klampfe nach einem Song zuwirft wie einen Sack
Zement. Die Energie, die Springsteen bis in die letzte Ecke der Halle
ausstrahlt, ist wirklich phantastisch.
Jede spielerische Leichtigkeit ist diesem Kraftakt von Performance entsprechend
fremd. Die Magie, der er im Titel seines aktuellen Albums beschwört,
geht allein vom Sog aus, den dieser Mann mit seine verbissenen Entschlossenheit
erzeugt. Und die fast feierliche Reaktion auf diesen Musicus musculus
ist Teil des Spektakels. Das Volk in Mannheim feiert den ewigen Springsteen
und seine Verdienste um ihre eigene musikalische Sozialisation, sie
feiert das Gestern im Heute und ist sich völlig einig darin, dass der
Rock’ n’ Roll niemals sterben darf und niemals sterben wird. Nicht so,
nicht, wenn er mit solcher Hingabe vorgetragen wird wie hier.
Meist ist eine Wand von vier Gitarren an der Bühnenfront im Einsatz,
was auch in der kleinen Gitarrenwerkstatt für großes Hallo sorgt, weil
vor allem Piratentuch-Pionier Steve van Zandt nach jedem Song das Instrument
wechselt. Dabei ist es gelegentlich interessanter, zuzusehen als zuzuhören.
Der typische Klang der E-Street-Band ist zwar druckvoll und rund, vor
allem weil Max Weinberg am Schlagzeug und Garry Tallent am Bass wie
ein Uhrwerk spielen. Aber er ist auch eine Wall of Sound, ein permanentes
Rauschen, eine nicht enden wollende Rock-’n’-Roll-Hymne. Clarence Clemons’
Saxofon und Roy Bittans Pianoschwelgereien werden geradezu verschwenderisch
eingesetzt. Ob bei Hits wie „Promised Land“, „Tunnel of Love“ und „She‘s
the One“ – oder „Livin’ in the Future“ und „Long Walk Home“ vom neuen
Album, das er fast komplett spielt. Was dem Abend fehlt, sind Nuancen,
Wendungen, musikalische Alleingänge.
Ein paar wenige gibt es: Immer wenn Springsteen zur Mundharmonika greift,
ist so ein Moment. Als er die neue Kriegsheimkehrerballade „Devil’s
Arcade“ anstimmt, wird’s einen Moment nachdenklich. Die alte Temponummer
„Working on the Highway“ treibt die Schlagzahl empor. Und am Ende holt
er noch „Santa Claus is coming to Town“ und einen Song aus seinem Pete-Seeger-Folkprojekt
heraus, in diesem Zusammenhang eine wohltuende Abwechslung.
Da haben die Männer von der Gitarrenwerkstatt längst das Einpacken begonnen.
Denn am Ende muss keiner mehr Instrumente wechseln, da geht es nur noch
rund. Bei „Dancing in the Dark“ und „Born to run“ erreicht die Verehrung
des Publikums für ihren unermüdlichen Vorarbeiter fast religiöse Dimensionen.
Nach zwei Feierstunden ist Feierabend. Acht gut gelaunte Musikmalocher
verabschieden sich von einer euphorisierten Menge. Nicht zur After-Show-Party.
Sondern zur After-Work-Party.
von Uwe Janssen
Oberhessische Presse
Quelle: http://www.op-marburg.de/newsroom/kultur/zentral/kultur/art180,172914
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