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Bruce Springsteen
in Köln
Magisches beim Rock’n Roll-Tsunami der Gefühle. In einer restlos ausverkauften
Köln-Arena haben 18000 enthusiastische Fans gemeinsam mit Bruce Springsteen
und seiner E-Street-Band vorzeitig Weihnachten gefeiert.
Köln. Der Boss klopft nicht an. Er tritt die Tür gleich zu Beginn mit
voller Wucht ein. Mit einem kurzen, knarzigen „Is there everybody alive
out there?“ wird kurz die Befindlichkeit des Publikums abgefragt, und
schon donnert das zweieinhalbstündige Rock-Gewitter mit brachialer Gewalt
in die Köln-Arena: „Radio nowhere“ vom aktuellen Album „Magic“ macht
gleich zum Auftakt deutlich, was die Fans von Bruce Springsteen und
seiner achtköpfigen E-Street-Band in dieser magischen Kölner Nacht bekommen
werden: Gnadenlos gradlinigen Rock, der mit einer furiosen Spielfreude
und barbarischen Präzision und Wucht von der Bühne geblasen wird.
Dass die Herren da oben auf der Bühne inzwischen fast alle schon die
60 überschritten haben und auch Bruce mit seinen 58 Jahren nicht mehr
ganz taufrisch ist, merkt man der Band in keiner Phase an. Im Gegenteil:
Sie wirken durchweg dynamischer und frischer als noch bei ihrem letzten
Auftritt vor fünf Jahren in der Köln-Arena. Einzig Clarence Clemons,
der Big Man am Saxofon, stakst nach mehreren Knie- und Hüftoperationen
inzwischen ein wenig steif über die Bühne, wenn er zu einem seiner Soli
nach vorne rückt und mit einer solchen Kraft in die goldene Kanne bläst,
das man das Gefühl bekommt, er allein sei für die jährliche Hurrican-Saison
in Amerika verantwortlich.
Springsteen gönnt sich, der Band und dem Publikum, das schon vom ersten
Takt kollektiv auf den Beinen steht, praktisch keine Atempause. In einer
genialen Mischung aus Klassikern und Songs aus dem neuen Album peitscht
er das Programm durch seine fast 35-jährige Erfolgsgeschichte.Der große
Geschichtenerzähler von frührer, als er seine Songs mit bis zu 15-minütigen
„Storys“ anreicherte ist der Boss heute nicht mehr. „Guten Abend, Köln.
Es ist schön, wieder hier zu ein“, vielmehr bekommt das Publikum nicht
zu hören. Dann drückt er auch schon wieder - „one two, one two“ - das
Gaspedal des Rock’n Roll-Boliden bis zum Anschlag durch und zersägt
mit seiner schneidenden Mundharmonika die Treibhausluft in der Köln-Arena:
„Reason to believe“ – inzwischen auch schon zwei Jahrzehnte alt – hat
nie besser und dynamischer geklungen.
Nur einmal wird es an diesem Abend ein wenig ruhiger, nimmt Springsteen
aus diesem Tsunami der Gefühle ein wenig Tempo: Der Klassiker „The River“
sorgt für Gänsehaut. Und wo sonst Wunderkerzen in die Dunkelheit gerückt
wurden, werden nun Handys hochgehalten, um denen, die keine Karten mehr
für das innerhalb weniger Stunden ausverkauften Konzerts bekommen haben,
wenigstens einen telefonischen Gruß zu schicken. Die Displays der Mobiltelefone
erinnern in der Dunkelheit an Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht.
Doch dieser Abend ist nicht gemacht für romantische Schwärmereien, denn
Springsteen, neben Bob Dylan der wichtigste Seismograph der amerikanischen
Befindlichkeit, ist noch lange nicht am Ende: Mit „The Rising“ und dem
fulminanten „Badlands“ gibt es noch einmal geballte E-Street-Energie
und man wünscht sich, dass dieser Abend nie zu Ende gehen möchte. Aber
wer im Internet die Songlisten seiner aktuellen Tournee gelesen hat,
weiß, dass es unaufhaltsam genau auf dieses Ende zugeht.
Nur noch einmal verlassen die Musiker für weniger als eine Minute die
Bühne, kehren dann in den tosenden Applaus zurück, ehe das Publikum
nach Zugabe rufen kann und sorgen bei alle echten Springsteen-Fans für
eine vorweihnachtliche Bescherung: „Kitty’s back in town“ vom zweiten
Album „The wild, the innocent…“ ist die große Überraschung an diesem
Abend und wird mit einer solch musikalischen Dichte und Brillanz gespielt,
dass man weinen möchte vor lauter springsteenscher Glückseligkeit. Wie
Artelleriefeuer drischt Max Weinberg den Beat aus seinem Schlagzeug,
das nicht viel größer ist als das bei einer mittelprächtigen Schützenfestcombo.
Und Springsteen, Little Steven und der begnadete Nils Lofgren liefern
sich Gitarren-Duelle der Extraklasse, die noch einmal Zeugnis einer
unbändigen Spielfreude sind.
„Born to run“ und „Dancing in the dark“ verwandeln die Halle final in
ein Tollhaus, ehe mit „American Land“ das offizielle Ende eingeläutet
wird. Aber in Köln, der Heimatstadt von BAP, gibt es natürlich noch
eine letzte Zugabe. Wolfgang Niedecken darf auf die Bühne und zusammen
mit den Musik-Malochern der E-Street-Band ein ausgelassenes, mit kindlicher
Albernheit präsentiertes „Santa Claus ist coming to town“ in die Party-Stimmung
pusten.
Für alle, die nicht dabei sein konnten, aber besonders für diejenigen,
die nicht genug von ihrem „Boss“ bekommen können, gibt es bereits im
Juni die nächste Bescherung: Am 16. Juni kommen die E-Street-Rocker
und ihr Frontmann wieder nach Deutschland. Noch gibt es für das Konzert
in der Düsseldorfer LTU-Arena Karten. Noch...
(c) Musik u. Konzerte, 14.12.2007, Hans-Albert Limbrock
DerWesten.de - Quelle
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